Wenn die Endlichkeit einmal die Grundfesten des eigenen Lebens erschüttert hat, ist es schwer, sie wieder aus dem Kopf und aus dem Herzen zu verbannen. Leben ist fortan ein wissendes Nichtwissen: ich weiß, dass ich sterbe, aber ich weiß nicht wann und wo und wie. Wie sieht ein solches Leben aus, dass sich diesem Taumel stellt? Es ist zugleich riskant und frei. Riskant, weil im Licht der Endlichkeit alles hinterfragt wird. Der Sinn des Geldes auf dem Konto. Der Sinn der Anpassung an die Meinung anderer. Der Sinn des Aufschiebens. Vielleicht der Sinn des eigenen Lebens überhaupt. Frei, weil man die Erfahrung machen kann, dass man das alles gar nicht braucht: das Geld und die Anerkennung anderer und die Anpassung und dergleichen. Und das ist die häufigste Antwort auf die Frage, warum man sich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen sollte: du erkennst, was für dich wirklich wichtig ist und bereust am Ende weniger. Und ich war lange auch dieser Meinung. Mehr und mehr aber kommen mir da zumindest einige Fragen.
Wir leben ja in einer Zeit, in der es viel darum geht, das Beste aus seinem Leben herauszuholen. Sich selbst immer weiter zu optimieren. Sich selbst zu verwirklichen. Mit Büchern, Apps und Influencer*innen immer noch weiter am eigenen Leben zu schrauben.
Es geht darin häufig darum, das Leben ganz und rund und vollständig zu machen. Das hat etwas Großes, ganz gewiss. Seinen Weg zu finden, vielleicht sogar eine Berufung. Träume verwirklichen. Hier kann die Auseinandersetzung mit dem Endlichsein Kraftvolles auslösen.
Es kann aber auch etwas sehr Ungnädiges haben. Es kann ungnädig sich selbst gegenüber machen. Dann nämlich, wenn aus dem Wunsch, am Ende des Lebens nichts zu bereuen, Druck entsteht, immer die vermeintlich richtige Entscheidung treffen zu müssen. Oder immer exakt zu wissen, was man will. Oder möglichst alles in möglichst kurzer Zeit zu erleben und damit nichts so wirklich. Oder, wenn aus dem Wunsch nach Bedeutung die Bürde der Bedeutung wird. Aus dem Wunsch nach Sinn ein Zwang nach Sinn.
Der Theologe Henning Luther setzt dem eine andere Sicht entgegen. Nach seiner Ansicht bleiben wir unser ganzes Leben lang ein Fragment. „Die nicht vorhersehbare und planbare Endlichkeit des Lebens, die jeder Tod markiert, lässt Leben immer zum Bruchstück werden”, so bringt er es auf den Punkt. Für Henning Luther gibt es keinen Abschluss, keine Vervollständigung des Lebens. Ein Leben ganz und vollständig und perfekt zu machen ist nach Luther nur möglich, wenn man auf Trauer, Hoffnung und Liebe verzichtet. Es bleiben immer Dinge offen, Chancen verpasst, Verletzungen ungeheilt. Gleichzeitig aber kommen bis zum letzten Atemzug neue Erfahrungen hinzu, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. Neu, weil es diesen Tag so noch nicht gab. Damit kommt noch einmal die Perspektive der Geburt ins Spiel. Beim Endlichsein denken wir nämlich in aller Regel an das Sterben, an den Tod. Damit etwas endlich ist, braucht es aber auch einen Anfang. Nur was anfängt, kann auch enden. Und alles, was endet, hatte auch einen Anfang. Zum Bewusstsein unserer Endlichkeit gehört also nicht nur die Tatsache, dass ich irgendwann einmal nicht mehr da sein werde und dass ich alles loslassen muss. Sondern auch, dass ich irgendwann einmal nicht da war und alles angefangen habe. Endlichkeit meint die Kraft des Anfangens genauso wie die Kraft des Loslassen. So, wie wir vom ersten Tag an sterben, werden wir bis zum letzten Tag an geboren.
Der Mensch ist daher immer in die Vergangenheit und in die Zukunft offen. Und das nicht aus eigener Schuld oder aus einem Versäumen heraus, sondern prinzipiell. Denkt man dies weiter, so liegt auch darin eine große Befreiung: eine Befreiung davon, sich selbst zur „besten Version seiner Selbst” machen zu müssen, wie es in vielen Ratgeberbüchern gern heißt.
Vielleicht liegt eine Würde im Scheitern.
Eine Würde in der Reue.
Eine Würde im Nichtgelingen.
Eine Würde in all den Wunden und Narben, die ein Leben mit sich bringt, das liebt.
Es ist die Würde desjenigen, der damals die Entscheidung getroffen hat.
Die Würde meines jüngeren Ichs, das es nicht besser wusste.
Und vielleicht, ja vielleicht, kann sogar eine Würde und vielleicht sogar Gnade im Vergessen und Vergessenwerden liegen.
Wenn die Bürde der Bedeutung abfällt, und alles in den Nebel des Vergessens und der Vergangenheit eintaucht.
Und ich frei bin vom Leisten und Tun und Machen und Nachdenken.
Und ruhen kann.
Zum Weiterlesen:
Henning Luther: Religion und Alltag. Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts, Stuttgart 2014.
Henning Luther: Die Lügen der Tröster. Das Beunruhigende des Glaubens als Herausforderung für die Seelsorge, Praktische Theologie 33/3 (1998), 163-176.
Bronnie Ware: Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Einsichten, die ihr Leben verändern werden, München 2015.

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