Disclaimer: Dieser Text thematisiert den Tod eines nahestehenden Menschen und zeigt Gefühle in ihrer Echtheit.
Ich will schon fast gehen. Ein Impuls irgendwo in meinem Körper will, dass ich mich umdrehe und einen Schritt mache. Doch noch kann ich es nicht.
Ich blicke dich noch einmal an.
Du liegst da, aber das bist nicht du.
Du siehst aus wie immer, aber dein Gesicht ist das eines anderen.
Da ist dein runder Kopf, deine von den Sorgen eines intensiven Lebens gefaltete Stirn, dein angegrautes Haar. Aber das bist nicht du. Das ist nur ein Doppelgänger, eine Imitation, ein äußerst schlechter Scherz.
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Erste Gedanken einer Sekunde
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Ich blicke mich im Raum um auf der Suche nach irgendetwas, das meinem Blick und mir Halt gibt. Vieles hier zeugt noch von dem, was sich hier abgespielt haben muss. Einerseits graut es mir davor, mir vor Augen zu rufen, wie wohl deine letzten Minute ausgesehen haben. Aus Angst, an Ort und Stelle vom Schmerz entzwei gerissen zu werden. Und andererseits will ich es mir vorstellen, hören und riechen, denn es wären nun mal nicht irgendwelche Minuten, sondern deine letzten Minuten.
Der Defibrillator springt mir ins Auge. Sie haben also versucht, dich wiederzubeleben. Wie oft haben sie das wohl gemacht? Wie oft geladen und deinen Körper unter Strom gesetzt? Und wann haben sie gemerkt, dass dein Herz diesen lebensrettenden Schock nicht annehmen kann, vielleicht auch nicht annehmen will? Wurden ihre Versuche von Mal zu Mal verzweifelter, wie man es aus Filmen kennt? Und wer hat entschieden, das Ganze abzubrechen, zu akzeptieren, dass hier nichts mehr zu tun ist, deinen Tod zu akzeptieren? Wer hat den Gedanken als erster gefasst, wer als erster die drei Worte gesprochen: „Er ist tot”? Drei so kurze Worte. 2+3+3 Buchstaben. Und so eine verheerende, abschließende, endgültige Wirkung. Was waren die Gedanken der Ärztinnen und Pflegenden, als sie sahen, dass du längst schon auf deinem eigenen, alleinigen Weg warst? Schließlich haben sie doch so oft betont, dass es dir von Tag zu Tag besser gehe.
So, wie der Defi dort steht, wurde er einfach stehen gelassen. Für einen Augenblick kann ich meine Augen davon lösen. Auf der Suche nach etwas anderem, das mir Antworten gibt oder mir zumindest zeigt, dass ich noch am Leben bin.
Ich atme ein.
Schließe die Augen.
Ein kürzester Moment von Ruhe.
Höre hinter mir die Geschäftigkeit auf Station.
Und bin nicht sie.
Blicke auf dich.
Und bin nicht du.
Gehöre nicht mehr wirklich in den Rhythmus des Alltags um mich herum.
Gehöre noch nicht wirklich in das Land des Todes.
Gehöre einem Dritten, ganz und gar anderen.
Blicke mit einem Auge des Todes auf das Leben und mit einem Auge des Lebens auf den Tod
Höre mit einem Ohr den Trubel und mit dem anderen die Stille dort, wo mal ein Atem war.
Ein Balanceakt auf der Grenze, wo ich doch völlig aus dem Tritt gekommen bin. Wie kann das gelingen?
Ich traue mich.
Ich will nicht.
Auszuatmen.
Ich kann nicht.
Aufzusehen.
Ich tue es.
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Und blicke mich um.
Deine Decke muss bewegt worden sein. Bis zum Kinn ist sie hochgezogen. Wieviele Menschen wurden in diesem Krankenhaus wohl schon ein letztes Mal mit dieser Decke und diesem Bezug zugedeckt? Wie viele Menschen haben ihre letzten Gedanken gedacht, als ihr Kopf auf diesem Kissen lag? Und wie viele haben diesen Raum lebendig betreten, sind jedoch nie wieder lebend von dort weg? Wer von ihnen wusste, wer ahnte, was da auf ihn zukommt? Hatten sie Angst, waren sie traurig, verbittert, vielleicht sogar erleichtert? Und wieviele Hände haben diese Decke ein letztes Mal über einen Körper gezogen, so wie es jetzt auch bei dem gemacht wurde, der mal du warst? Sie wurde dir aus einer Mischung aus Verzweiflung und Wut und Zärtlichkeit und Routine bis unters Kinn gezogen, so, als wollten sie all dein Kämpfe und Wunden und all das Scheitern der Lebensrettung verdecken, verstecken und ausblenden.
Von irgendwo weit draußen reißt mich das aufgeregte Geschnatter von Zugvögeln aus den Gedanken.
Ich versuche, ihnen zuzuhören und will doch gleichzeitig jede Sekunde mit dir noch verbringen. Ungefiltert.
Doch die Vögel sind unüberhörbar.
Geschnatter wie Erinnerungen über bekannte Landschaften, gewohnte Gerüche, heimische Winde.
Geschnatter wie Vorfreude auf Zuhause.
Geschnatter wie ein immer gleicher Rhythmus von Aufbrechen und Wiederkommen. Etwas Bleibendes. Zuhausesein. Sehnsucht. Es nervt kolossal und ich will es gleichzeitig haben.
Ich blicke in dein Gesicht. Ich sehe all dein Ringen von heute und der letzten fast sechzig Jahre in diesem Gesicht, das nicht mehr deins, sondern das eines 93 Jährigen. Vielleicht liegt auch Rettung darin, dass man stirbt?
Ich sehe das alles durch ein Glasfenster wie durch einen Fernseher, der nur ein Programm hat, das nun auch noch eingefroren ist. Mehr Nähe geht nicht. Würde ich sie ertragen? Es sind nur zwei Meter Abstand zwischen uns. Doch längst schon trennen uns nicht mehr nur diese vier Millimeter dicke Glasscheibe und die zwei Meter bis zu deinem Bett. Längst trennt uns der unüberbrückbare Spalt. Längst trennt uns das Atmen und der Durst, das Frieren und die Gänsehaut, das Sorgenmachen und Tagträumen und Spielen und Rumalbern und Rasenmähen und Mückenstiche kratzen. Dass du nicht mal mehr in eine solch zweifelhafte Freude wie das Kratzen eines Mückenstiches kommst. Kurz muss ich lachen. Ich wünsche mir einen Mückenstich.
Du aber hast all das eingepackt. Und hast einen Rucksack geschultert, der nichts wiegt. Und bist mit einem Schritt in einem Land gewesen, in das nicht mal der anlaufende Weltraumtourismus mich bringen könnte. Ich kann es nicht auf dem Grund des Marianengrabens finden und auch nicht auf dem Gipfel des Mount Everest. Nicht einmal in meiner Vorstellung, in der ich sonst problemlos an all diese Orte reisen kann, ja mir sogar neue Welten ausdenken kann. Doch vor dem Land, in dem du bist, versiegt selbst jede Phantasie. Und wenn selbst die nichts erreicht, dann erst recht nicht das Denken, ihr etwas rechthaberischer und pedantischer Onkel. Wie sehne ich mich gerade nach einem Rucksack, der nichts wiegt.
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Vor mir taucht der Raum um mich herum wieder auf. Das helle Licht. Die weißen Wände. Der kalte Fensterrahmen aus Kunststoff, an dem ich mich festhalte. In der Luft sind noch wie festgeklebt die Stimmen zu hören, wie sie wild durcheinanderrufen. Von irgendwo her ist das unverwechselbare Geräusch eines Kaffeevollautomaten zu hören, der gerade Bohnen mahlt. Wenig später zieht ein Geruch nach Kaffee durch den Flur. Ich liebe diesen Geruch. Genieße ihn. Ich hasse es, dass ich gerade etwas genieße. Doch ich kann auch nicht anders. Ich will nicht beruhigt werden und es wird doch ein bisschen ruhig in mir.
Der Kaffeeduft legt sich wie ein Filter über die anderen Gerüche. Ohne ihn wäre die tösende Stille in dem nach Desinfektionsmittel, Todeskampf und Frieden riechenden Zimmer kaum erträglich. Kampf und Frieden, sie ringen noch immer miteinander, der Frieden scheint die Oberhand zu gewinnen, zumindest glaube ich das. Oder versuche es mir einzureden. Oder hoffe, dass ich es mir einreden kann. Denn auf dem, was mal dein Gesicht war, zeichnet sich etwas ab, was mal dein Lächeln war.
Kampf und Frieden. Sie sind nicht nur in diesem Zimmer vor mir, sondern auch im Raum in mir im dramatischen Streit miteinander. Etwas in mir will die Scheibe zerschlagen, die Realität bersten lassen. Auf dich einschlagen und das Leben in dich zurückschütteln. Ein anderer Teil sucht Hinweise dafür, dass das alles nicht wirklich ist, nicht wirklich sein kann. Ein dritter versucht, meinen von Schmerz und Leere tauben Körper am Leben zu halten. Ein vierter meldet sich immer wieder und sagt: „Ich habe es gewusst von dem Moment an, in dem du auf die Intensivstation kamst. Du wirst sterben”. Dieser Gedanken war immer wieder in meinem Kopf in den letzten Tagen. Und das war keiner von diesen Katastrophengedanken, so wie die, wenn man denkt, es würde gleich eine Zombieapokalypse ausbrechen. Er stand in mir in der fürchterlichen Ruhe eines Menschen, der sich der Wahrheit absolut sicher ist. Nun schiebt sich eine fünfte Stimme mit raumgreifenden Schritten in den Vordergrund: „ich bin schuld. Ich und der Kummer, den ich ihm bereitet habe”. Auch die Vernunft schaltet sich nun ein: „Es war ein Virus, was hast du damit zu tun?”. Der Schuldbewusste schreit: „Durch mich und den Kummer war sein Immunsystem geschwächt”. Da schweigt die Vernunft erstmal und weiß nichts mehr zu sagen. Bei sich denkt sie, dass Schuldzuschreibungen ja auch eine Form sind, Kontrolle zu gewinnen, und lässt mich erstmal machen. Es geht durcheinander wie auf dem Marktplatz oder in einem überhitzten Parlament.
Ich muss atmen.
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Atmen.
Wieder ruhig werden.
Kann mich nicht beruhigen.
Es klappt nicht.
Wie kann es sein, dass ich noch lebe?
Wie kann es sein, dass mein Körper und mein Geist und meine Seele oder was auch immer das alles aushält?
Aber ich bin noch hier.
Ich und Kaffeeduft.
Ich und Kaffeeduft und Zugvögelgeschnatter.
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Die Gedanken pausieren für einen kurzen Moment.
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In dieser kürzesten aller Stillen wispert eine zarte Stimme: „Hab es schön, wo du jetzt bist. Bis bald!”
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Warum er? Warum muss es ausgerechnet jemanden treffen, der sich aus seiner absolut beschissenen Kindheit herausgearbeitet hat, sich sein Leben lang für andere eingesetzt, ja aufgeopfert hat? Warum nicht seinen tyrannischen Erzeuger oder einer, der auf das Virus einen Scheiß gibt und trotzdem feiert und sich darüber lustig macht? Wo ist denn da eine Gerechtigkeit? Und jetzt komm mir nicht mit Gottes Liebe oder einem Plan oder einem Sinn oder derlei leerem Geschwätz. Den Atem dafür kannst du dir sparen, freu dich lieber daran, dass du noch atmen kannst. Mein Vater kann es nämlich nicht mehr!
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Andere Gedanken derselben Sekunde
In, mit und unter den Gedankenschlägen und der Kontinentalverschiebungen meiner Gefühlswelt pulsiert noch eine zweiter Strom. Er hat eine andere Farbe, einen anderen Klang, entspringt mehr meinem Kopf. Ich blicke dem, der nicht mehr du bist, wieder ins Gesicht. Was wohl der Gedanke vor deinem letzten Atemzug war? Was du wohl gefühlt hast? Hattest du Angst oder hast du vielleicht auch gar nicht mehr gefühlt oder gedacht oder gesorgt oder geträumt? Und wohin hast du diesen letzten Gedanken, dieses letzte Gefühl mitgenommen? Von all dem ist in dem Raum, der nun wieder mit der sterilen Gleichgültigkeit eines Krankenhauses um mich herum Gestalt gewinnt, nichts mehr zu sehen. Nichts zu spüren, nichts zu hören oder zu riechen. Auch das hast du mit eingepackt. Ob du dich wohl nochmal umgeschaut hast, bevor du ins Licht oder ins Nichts gegangen bist? Oder bist du gehüpft? Wurdest du hineingezogen? Und warst du, als der Tod da war, schon nicht mehr da und als du noch da warst, war der Tod aber nirgends? Oder hast du versucht, dich noch am Bett, dich noch an deinem Körper festzuklammern oder warst du erleichtert, gehen zu dürfen, hast dich fallen lassen und bist mitgeflossen in einem seichten Strom? Wusstest du, welches Land sich vor dir auftut, in dem Moment, als dein Atem und Kämpfen und Leben endete? Wie fühlt sich das wohl an? Ist da wirklich dieser Tunnel und das Licht? Und ist da wirklich dieser Friede und die Ruhe und der Glanz, von denen ich immer predige? Ist da ein Strand oder ein Weizenfeld, durch das deine Hand streift oder ist da Kings Cross oder silbernes Glas unter einer rasch aufgehenden Sonne? Oder ist es so, wie es für dich passend und richtig und schön wäre? Ist dein Himmel ein Stadion oder ein Wald oder dein Lieblingsort an der Ostsee? Hast du unseren Hund schon getroffen? Sind wir vielleicht alle schon da oben, weil es in der Ewigkeit ja gar kein Vorher und Nachher gibt? Ist hinter der Tür wirklich Frieden? Und hast du schon jemanden wie Hitler dort getroffen? Ist das wirklich wirklich? Oder ist da einfach nichts und du ein Teil davon, ein kleiner Krümel Schwarz in einer bewegungs- und zeitlosen Schwärze, sodass du dich gar nicht mehr von dem Nichts unterscheidest? Fühlt es sich angenehm an, in so einem großen Ganzen aufgelöst zu sein? Schmeckt das große Nichts nach etwas? Ist doch auch irgendwie gruselig.
Ich blicke darauf,
versuche,
das Desinfektionsmittel und die Masken und den Defibrillator und die Schläuche auszublenden,
doch es gelingt nicht. Deine Friedenslächelnstille gibt es nur zum grausamen Preis dieser Zeichen der groben Fratze der Wahrheit unserer lächerlich angreifbaren Endlichkeit. Kaum achtzig Jahre im Durchschnitt, bei dir noch nichtmal sechzig. Knapp 20000 volle Tage. Ist das nicht ein Witz im Vergleich dazu, wie alt die Meere sind oder die Sterne oder dieses Universum? Da bin doch ich lächerlich unbedeutend, nicht mal ein Wimpernschlag, nicht mal ein Staubkorn auf einem Staubkorn, nicht mal ein Viertelgedanke.
Und doch würde es das alles nicht ohne dieses Witzfigurenleben geben? Bzw. ohne mein Witzfigurenleben. Denn das ist nun mal die einzige Perspektive, die ich habe. Es würde nicht dein Lächeln geben, nicht deinen Kampf. Nicht die Glasscheibe. Nicht deine wöchentlichen Kaffeebesuche. Überhaupt nicht einmal die Meere oder die Sterne oder das riesengroße Universum. Also ist nicht eigentlich das Universum oder die Welt oder zumindest der Tod lächerlich, wenn es mich dazu braucht, damit es sie gibt? Sind wir am Ende beide lächerlich wichtig und unumgänglich unwichtig? Ein schwindelerregender Taumeltanz zwischen Minderwertigkeit und Größenwahn, den wir da tagtäglich machen.
Moment.
Was tue ich hier gerade eigentlich? Versuche ich nur, der schrecklichen, herzzermalmenden Realität deines Todes zu entkommen, in dem ich mich vom Körper in den Kopf flüchte? Und irgendwelche ach so philosophischen Gedanken anstelle, die aber eigentlich nur Quatsch sind und ein Zeichen meiner Feigheit, vor dem Leben und dem Sterben und davor, dieses Loch und diesen Schmerz und dieses Was weiß ich noch alles jetzt endlich mal zu fühlen?
Ich höre mein Herz schlagen. Dieses Stück Fleisch, das mich gerade am Leben hält und das jede Sekunde seinen Dienst aufgeben könnte, wie deines erst vor ein paar Stunden bewiesen hat. Wäre es nicht jetzt Zeit, wirklich zu leben? Aber was ist das? Wie geht das? Ich habe doch schon immer wirklich gelebt, oder nicht? Würde ich mir aber diese Frage stellen, wenn es so wäre? Und schon versuche ich, dein Sterben für mich zu verzwecken, verrückt, oder?
…
…
…
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...
Kurz war ich in Gedanken versunken.
Hab kurz alles vergessen.
Erlöst im Denken.
Gelöst vom Körper.
Hatte ich dich kurz vergessen.
…
…
Das Geratter eines hinter mir vorbeigeschobenen Bettes bringt mich zu dir zurück.
……
Dritte Gedanken derselben Sekunde
Wieviel Uhr wir jetzt wohl haben? Ich blicke mich um auf der Suche nach einem Zeiger, der verlässlich gleichbleibend nach vorne springt. Das Leben nach vorne treibt. Etwas in mir sucht nach Orientierung, nach einem Ort, nach einer Vergewisserung.
Will wissen, wo ich bin.
Will wissen, dass ich bin.
Wird es je wissen, wer ich bin?
Ist überhaupt je in Worte zu fassen, wer man ist?
So ganz und gar?
Suche ich Halt in dem, wer du warst?
Aber wer warst du?
…
…
Wusstest du, was Glück ist? Ist es durch deine Adern geflossen? Konntest du es spüren, schmecken, riechen? Ich bin mir da nicht so sicher. Aber eigentlich kannte ich dich ja auch nicht wirklich. Klar, ich kannte dein immer schütter werdendes Haar, deinen runder werdenden Bauch, deine kaputten Knie und den demolierten Rücken, deine stoppelig-weichen Wangen. Fast mein ganzes Leben habe ich dich jeden Tag gesehen, mit dir Fußball geschaut und Stargate, melancholische Musik gehört und dein leises Mitsingen, zusammen gegessen, tiefe Gespräche geführt, gegen dich beim beim Kniffel, jedenfalls dann, wenn du mal wieder frech geschummelt hast. Ich glaubte, zu fühlen, was du fühlst und dich retten oder heilen zu wollen. Eigentlich aber habe ich immer nur bis zu deiner hohen Stirn geschaut, nie aber in dich hinein. Ich weiß nicht, wie du die Welt gesehen hast, welche Tonart deine Gedanken hatten, wieviel deine Gefühle wogen. Ich habe mir nur vorgestellt, wie es in deinem Inneren aussah, mich in dich hineinphantasiert, gedacht oder zumindest geglaubt, zu fühlen wie du. Vielleicht habe ich aber auch nur meine Gefühle in dich hineingefühlt.
Wie war es wirklich, du zu sein? Wer warst du wirklich? Kanntest du dich? Haben deine 58 Jahre ausgereicht, dich selbst kennen zu lernen? Was hättest du geantwortet, hättest du dich gefragt: wer bin ich?
…
...
Hättest du gesagt: ich bin der, der aus einer Scheiß-Familie kommt und sich da rausgearbeitet hat? Oder: Ich bin der, der einfach gerne Menschen hilft und sich selbst zurücknimmt? Oder: Ich bin der, der sich schämt, wenn er schwach ist? Oder: Ich bin der, der einen Obdachlosen mit der gleichen Würde behandelt wie einen Millionär? Welche Geschichte hättest du von dir erzählt? Welchen Titel hätte dein Lebensbuch, jetzt wo die letzte Seite beschrieben, wo dein Leben beendet ist? Was würde auf dem Klappentext stehen?
Jetzt, wo dein Leben beendet ist… Es ist so surreal, diese Worte zu denken, zu schreiben, runterzuschlucken und ihr bleiernes Gewicht im Magen zu spüren.
Dich da liegen zu sehen oder das, was mal du warst, und zu wissen — nein: in den Kopf gehämmert zu bekommen — dass du vorbei bist, lässt mich erstarren. Für dich gibt es kein Leben im Futur, nicht mal im Präsens. Du lebst nur noch in der Vergangenheitsform. Schon ein Hohn, dass eine davon „Perfekt” heißt. Was ist bitte perfekt am „du hast gelebt”, „du hast gelacht”, „du hast Witze erzählt”, „du hast gekämpft”? Ich würde lieber sagen: Du lebst, du lachst, du erzählst Witze, du kämpfst.
Jetzt, da ist der freie Fall, dieser Moment, wo ein Spalt aufgeht und ich genau hier vor deinem Fenster verschluckt werde. Wäre schön, wenn ich wirklich nicht mehr da wäre, dann müsste ich mich nicht durch diese zähe dunkle Masse hindurchfühlen, die gerade mein Inneres flutet. Dann bräuchte ich nicht diese Kaskade an Gedanken zu ertragen, die immer lauter durcheinander schreiend in meinem Kopf niederprasselt. Aber da ist ja dieser Konjunktiv, noch so eine blöde Erfindung der Sprache. Mit Hätte, Wäre, Könnte komme ich wohl nicht weiter. Es ist wohl jetzt mein Job, all dem Zähen und Lauten und Schwarzen und Komplizierten und manchmal Lustigen und Absurden in mir seinen Raum zu geben. Aber wie geht das, ohne zu platzen?
Ja, es ist was dran, dass das alles wichtige Erfahrungen und Gefühle sind und dass wir in jeder Situation im Leben irgendetwas lernen können, und dass das Lebens uns immer wieder Fragen stellt und wir entscheiden können, wie wir darauf antworten. Aber muss es so eine Scheiße sein? Hätte es nicht einfach ein gebrochener Arm oder ein finanzieller Verlust oder frühzeitiger Haarausfall oder ein schlechtes Buch sein können? Und jetzt hier, wo ich das, was du mal warst, noch da liegen sehe mit den grauen Haaren und den Maschinen und den gleichgültigen weißen Wänden, da will ich gar nichts lernen. Da will ich wieder einfach nur weg. Die Augen verschließen und die Welt und den Tod und mich. Und einfach wieder lachen oder selbst tot umfallen. Hauptsache, diese Gefühle sind weg.
„Das kannst du dir noch so schön einreden” meldet sich die Vernunft. „Aber du weißt, dass das nicht funktioniert? Du weißt, wie wichtig die Konfrontation und das Aussprechen und Annehmen ist. Daher: sprich es aus: Er ist tot. Ich sehe es hier vor mir. Es ist wahr”. Diese Sätze, ich sage sie mir immer wieder vor.
Als ich tränenüberströmt und entkräftet das letzte „Er ist tot” aus mir herausgepresst habe, steht die Station für einen Moment still. Alle blicken mich an. Ich spüre sie, die mitfühlenden Blicke, hilflose Augenpaare in der Unruhe, die jemand hat, der helfen will, aber es nicht kann. Manche Masken sind selbst von Tränen durchnässt. Ich spüre viele Umarmungen in den Blicken, aber keine wirkliche. Was sie wohl denken, wenn ich hier so verrotzt stehe?
Und doch scheint es eine Außenwelt zu geben. Andere Menschen zu geben. Ich will ihre Blicke nicht auf mir sehen und finde sie doch schön. Verabscheue diese Menschen, die einfach weitermachen können, weil ihnen so etwas nicht passiert ist. Und freue mich, dass ich hier gerade nicht alleine bin.
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Am Ende der Sekunde und am Abgrund: Gehen und Atmen, taumeln und tanzen
Meine Hand schmerzt. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie sehr ich sie zu einer Faust geballt hatte. Fühle, wie kalt sie sind vor lauter Aufgewühltheit. Ich kehre in meinen Körper zurück, merke, dass ich noch einen habe oder einer bin. Bewege meinen Fuß, der schon ganz kribbelig ist. Mache es mit dem anderen genauso. Von außen muss es komisch aussehen, wie ich da gerade unbeholfen herumtänzele.
Moment.
Ich kann so tänzeln. Da ist der Boden. Auch wenn dieser gräuliche Linoliumboden alles andere als schön ist. Er ist da. Gerade für mich da. Ein Boden, der mich selbst hier beim Taumeltanz am Abgrund trägt. Kaffeeduft und Zugvögelgeschnatter und Boden unter mir.
Und ich atme ein. So tief, wie es gerade geht. Ein salziger Geruch meiner Tränen umspielt meine Nase. Eine Erinnerung an die Ostsee kommt mir in den Sinn. Im Sand eingegrabene Füße. Ein weiter Horizont. Ein sanftes Rauschen der Meere. Gott, wie hast du die Ostsee geliebt!
Ich will schon fast gehen. Ein Impuls irgendwo in meinem Körper will, dass ich mich umdrehe und einen Schritt mache. Und jetzt merke ich und spüre ich und weiß ich: ich kann mich umdrehen. Der Boden unter mir wird bleiben und meine Füße und Worte werden mich weitertragen. Wohin, weiß ich jetzt noch nicht. Nur, dass es so ist.
Dieser Moment, in dem ich mich umdrehe, dich eine letztes Mal sehe. Er dauert weniger als eine Sekunde. Eine Sekunde, in der aus Erlebnissen Erinnerung wird. Eine Sekunde, in der mein Leben ohne dich beginnt. Ein Schritt nach dem anderen, bewege ich mich von dir weg. Taumelnd?
Und ich nehme das mit, was von dir in meinem Herzen lebt. Nehme all die Gefühle und Gedanken mit, die in dieser Sekunde gefühlt und gedacht wurden. Nehme meine Fragen mit. Und gehe. Und atme. Tanze. Taumle. Mehr kann ich gerade nicht. Aber vielleicht ist das auch schon viel?
© André Barth