Wald der Steine

Wie du an diesen merkwürdigen Ort gekommen warst, wusstest du nicht. Du weißt nur, dass dieser Ort alles verändert hat. Aber von vorne.

Du warst wie jeden Abend mit dem Fahrrad auf der immer gleichen Feierabendroute unterwegs. Durch den Wald, auf den Hügelkamm in die Abendsonne und dann an der Straße entlang ins Dorf zurück. So machtest du es jeden Abend. Na gut, jeden zweiten. Okay, wenn du ernst zu dir bist: in letzter Zeit vielleicht einmal die Woche, wenn überhaupt. Die letzten zwei Wochen waren solche „wenn überhaupt”-Wochen, in denen das Fahrrad ungenutzt im Keller stand. Es war sehr traurig deswegen.

Wie dem auch sei.

Heute war es endlich mal wieder Zeit für eine Tour. Und das Rad freute sich, mal wieder an die frische Luft zu dürfen. Schließlich war es ja ein Fahrrad und kein Standrad. Schon nach drei Minuten, als du auf dem Schotterweg gerade in den Wald einbogst, fragtest du dich: Warum mache ich das eigentlich nicht öfter?

Jedenfalls freutest du dich schon auf gleich, denn da wartet dein Lieblingsabschnitt auf dich. Ein kleiner, schmaler Trampelpfad durch einen Bilderbuchwald. Mit Grün und Waldgeruch und Moos und Licht und allem drum und dran. Da fühlst du dich immer wie ein kleines Kind.

Nur noch einen kleinen Berg hoch und schon bogst du auf den schmalen Pfad ein. Ein Gefühl von Heimat und Angekommensein machte sich in deinem Körper breit. Was sich aber leider auch breit gemacht hat, waren Brennnesseln, Disteln, Fingerhüte, Farne und allerlei andere Gräser. Die warmen Temperaturen und der Regen hatten in letzter Zeit ganze Arbeit geleistet. Im Handumdrehen oder besser: nach wenigen Fußumdrehungen standest du mitten im Dickicht. Es half nicht. Du musstest absteigen. Hättest du mal nicht die kurze Hose angezogen. Die Brennnesseln kamen so gut auf ihre Kosten. Und die Zecken sicher auch. Je tiefer du dich in das urwaldgleiche Grün kämpftest — Umkehr hätte nun auch nichts mehr gebracht — desto mehr beschlich dich der Gedanke, du könntest an einer Stelle falsch abgebogen sein. 

Das Gefühl erst einmal ignorierend, dachtest du bei dir: kann nicht sein, ich bin den Weg doch schon tausendmal gefahren. Nach einiger Zeit aber konntest du dir nichts mehr vormachen. Das Grün ging dir inzwischen bis zur Brust, die Bisse der Brennnesseln auf Beinen und Armen waren ähnlich wie die Kletten an dir ungezählt. Die Pflanzen müssen so dicht gewachsen sein, dass die Abzweigung auf dem Weg nicht mehr zu sehen war. Und vielleicht warst du ein wenig in Gedanken? 

Mit dem Rad in der Hand als Barriere zwischen dir und den Brennnesseln bahntest du dir einen Weg. Fest im Wissen oder zumindest in der Hoffnung, dass du bald auf den richtigen Pfad treffen würdest. So ging es einige Minuten und endlich änderte sich die Umgebung. Das Rascheln der Pflanzen wurde langsam abgelöst durch das Knistern von Laub unter deinen Füßen. Du fandest dich plötzlich in einem weitläufigen, laubbedeckten Waldstück wieder. Das Licht brach sich fast mystisch Bahn durch die Baumkronen. Ein leichter Schimmer lag in der Luft. Ein Weg war allerdings auch hier nicht auszumachen. Also gingst du einfach querwaldein. Immerhin konntest du das Fahrrad jetzt schieben. So gingst du eine ganze Weile weiter. Die Szenerie wurde immer nebulöser und zugleich heimatlicher. Du spürtest Ruhe und zugleich Aufregung in dir aufsteigen. 

Auf einer Lichtung in der Ferne sahst du nun eine ganze Reihe Baumstümpfe, alle etwa gleichgroß. Schade um die schönen Bäume, dachtest du bei dir. Woher du dir sicher warst, dass dies der richtige Weg war, wusstest du nicht und hast es auch nicht hinterfragt. 

Je näher du dem Meer von Baumstümpfen kamst, desto mehr sahst du, dass es gar keine Baumstümpfe waren. Denn die sind ja nicht grau. Vielmehr waren es so etwas wie Steine. Und zwar bei näherem Hinsehen keine natürlichen, sondern bearbeitete, geschaffene, gestaltete Steine. Ein Schauer lief dir über Rücken und Herz, als du erkanntest, dass es sich dabei wohl um Grabsteine handelt. Ein kleines Gruseln, aber auch Neugier gesellten sich zu der Gänsehaut hinzu. Noch nie hattest du solche Steine gesehen. Sie alle sahen uralt und gleichzeitig brandneu aus. Verwittert und gleichzeitig mit fast frisch eingravierter Schrift. Heimelig und Unheimlich zugleich. Zwei unterschiedliche Bewegungsimpulse stritten in dir miteinander. Einer wollte weg, schnell wieder nach Hause. Der andere wollte sich die Steine gern näher ansehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hast du den Fuß tatsächlich angehoben und bewegt. In Richtung der Steine. Der Drang, die Neugier, die Aufregung siegten über die Angst.

Schritt für Schritt gingst du auf den ersten Stein zu.

Kleine vorsichtige Schritte.

Größere neugierige Schritte.

Bis du vor ihm standest. 

Und den Stein anblicktest.

Erstaunen ergriff dein Gesicht. Über das, was du dort sahst und über das, was du dort nicht sahst. Da waren weder Namen noch Jahreszahlen. Vielmehr stand dort ein Satz. Ein einzelner, kurzer Satz. Nicht mehr und nicht weniger. 

Auf diesem ersten stand: „Hatte vierzehn Katzen”. Unwillkürlich musstest du darüber schmunzeln. Ein bisschen skurril war es auch. Vielleicht ein bisschen gruselig. Aber deine Neugier war geweckt.

Mit klopfendem Herzen, wie man es dann hat, wenn man gerade eine wichtige Entdeckung machst, gingst du weiter. Zum nächsten Stein. Zum nächsten Satz. 

„Hatte mal 500000 Follower in den sozialen Medien”. Wieder spürtest du eine Reaktion deines Körpers. Diesmal aber war es keine kleinen Lächelnsfalten, sondern eine gefaltete Stirn. Du fragtest dich, wer von diesen 500000 wohl schonmal hier war. Also weiter. 

„Löste jeden Abend drei Kreuzworträtsel und war stolz drauf”

 

 

 

„Hatte das größte Überstundenkonto seiner Firma”

 

 

 

„Hat die besten Steaks gegrillt”

 

 

 

So ging es weiter. Reihe um Reihe. Stein um Stein. Satz um Satz. Jedesmal waren da ganz unterschiedliche Gefühle in dir. Mal Schmunzeln. Mal Unverständnis. Mal ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, das du noch nicht genauer benennen konntest. Bei „Liebte Vanilleeis im Winter” musstest du laut lachen. Wut hingegen erfüllte dich, als du „Hasste Fahrradtouren” last. 

Was war das für ein Ort? Warum hattest du ihn noch nie zuvor gesehen? Kanntest du den Wald nicht eigentlich wie deine Westentasche? 

Du blicktest dich um. Die Stille hier machte dir zu schaffen. Du hörtest nur das Knistern des Laubes unter dir, deinen Atem und dein Herz leise pochen. Doch der goldene Glanz, der durch oder auf oder in den Bäumen schimmerte, legte Ruhe in dich hinein. 

 

 

„War glühender Bayernfan”

 

 

„Hatte 1000 Ideen, aber nur 0,1 Mut”

 

 

 

„Schlief mal beim Torteessen ein und landete mit dem Gesicht in der Sahne”

 

 

„Hatte keine Zeit”

 

Wow, da traf dich ein Schlag hart in die Magengrube. Der Satz hatte gesessen. Bei schon ein paar anderen hattest du dieses flaue Gefühl, nie aber so stark wie bei diesem. Und jetzt wusstest du auch, was es war, das dir da Knoten in den Bauch band. Du musstest schlucken, wurdest plötzlich wütend, tratest gegen den Stein und tatest die furchtbar den Fuß weh. Doch der Schmerz, den du tief im Innern spürtest, war viel größer als der deines Zehs. Er breitete sich wellenförmig überall dir aus und hätte dich innerlich ertränken können, wäre er nicht in Form eines Stroms aus Tränen langsam abgeflossen, bis er ein erträgliches Niveau erreichte, in dem sich deine Seele über Wasser halten konnte. Ein paar tiefe Atemzüge. Schließlich sprachst du aus, was da so schmerzte:„Das könnte ich sein”. Die Worte verhallten leise im Wind.

„Ich habe keine Zeit”. Wie oft hattest du das in den letzten Wochen gesagt.

Als Markus dich fragte, ob du mit ins Stadion willst. Als deine Frau dich fragte, ob ihr mal wieder ins Musical gehen wollte, wie ihr es früher so gern gemacht habt. Als deine Kinder dir vorführen wollten, was sie neues beim Turnen gelernt hatten. Als Markus dranblieb und fragte, ob du nicht mal wieder vorbei kommen wolltest. „Sorry, hab gerade keine Zeit. Bald mache ich das”. Bald. Das war noch so eins deiner Lieblingswörter. Es brachte immer wieder einen kleine Handbreit zwischen die Anfragen, deinem Kalender und deinen inneren und äußeren Erwartungen und Ansprüchen an dich.

Das Gesicht von Markus drang vor dich. Von Markus, der fragte, warum du nicht da warst. Du wolltest doch bald kommen. Doch irgendwann vor dem Zeitpunkt, der das Bald sein sollte, war das Bald schon ein Zu spät. Markus war es, der keine Zeit mehr hatte. Dein Sandkastenfreund. Dein längster Freund. 

So richtig verstanden hattest du das mit Markus’ Krankheit nicht, oder besser: wolltest es vielleicht nicht verstehen, hast es weggelacht und oft so etwas gesagt, wie: „Bald bist du wieder auf den Beinen”. Da war schon wieder dieses Bald. Dieses kleine Wort. Dieses Scheißwort. Dieses Wort, das Leben verhindert und alles Schöne in eine Zukunft verbannt, die vielleicht nie kommen wird. 

Dein großer Zeh pochte immer noch. „Hoffentlich ist das bald vorbei”. Herrgott, da war ja schon wieder ein Bald. Du sagstest es wirklich oft. Vielleicht ist es auch manchmal doch gar nicht so schlecht, zumindest bei Zehschmerzen. Und bei der Frage „Wann sind wir da?”. Bei dem Gedanken huschte dir plötzlich ein Grinsen übers Gesicht. Erinnerungen an die Urlaube in den Bergen mit deiner Familie wurden wieder lebendig, an die du schon jahrelang nicht mehr gedacht hattest. Manchmal haben dich die Kinder ja sehr zur Weißglut gebracht mit ihren vielen Fragen. „Bald” war da deine Universallösung auf die meisten Fragen. Du warst damals mächtig stolz auf deine Kunst des Bald.

Immer mehr Bilder drangen dir nun ins Bewusstsein. Wie sich die Kids auf der Fahrt stritten, welches Autospiel sie spielen wollen und wie du über den Spiegel versuchtest, den Streit zu klären. Wie deine Tochter weinte, weil sie so Bauchschmerzen hatte und du sie mit Sorge im Rückspiegel beobachtetest. Wie alle drei Schulter an Kopf schliefen und du beim Blick in den Spiegel eine Woge des Glücks empfandest. Und dabei fuhrt ihr weiter vorwärts und ließt Hessen und ein Stück echtes Leben hinter euch. Und ihr fuhrt weiter und wurdet älter und irgendwann fragten die Kinder ein letztes Mal „Wann sind wir da?”, ohne das einer von euch wusste, dass diese Frage zum letzten Mal gestellt wurde.

Als das Bild vom ersten Urlaub ohne Kinder auf deine innere Bühne trat, merktest du, wie sehr du diese Zeit und diese Frage vermisstest. Damals war die Zeit nicht „bald” da, sondern ihr wart „jetzt” gemeinsam unterwegs in den Urlaub und im Leben. Du warst glücklich in diesen Jahren. 

 

Wirklich glücklich.

 

 

Und spürtest dieses Glück wieder.

 

 

Jetzt. 

In diesem Moment.

 

Du merktest auf einmal, wie sicher du standest, wie sicher und ruhig.

Hattest eine feste Ahnung, was einmal auf deinem Stein stehen sollte. 

Und spürtest, was zu tun und wo der Weg war.

 

 

© André Barth